Rummelplatz by Werner Bräunig

Rummelplatz by Werner Bräunig

Author:Werner Bräunig [Aufbau]
Language: deu
Format: epub
Tags: Belletristik/Gegenwartsliteratur (ab 1945)
Publisher: Aufbau
Published: 2012-04-24T18:27:23+00:00


XIV. Kapitel

Die Nachricht von der Flucht der Betriebsleitung verbreitete sich in der Papierfabrik mit unglaublicher Geschwindigkeit. Gegen zehn Uhr war sie in den Werkhallen aufgetaucht, als Gerücht, ungläubig aufgenommen und dem Überbringer mitunter böse vermerkt – einige sprachen sogar von Provokation. So zog sie sich noch einmal in zugänglichere Bereiche zurück: in die Lohnbuchhaltung, in die Betriebsküche, in den Papiersaal. Kurz nach elf Uhr aber war überall Gewißheit.

Die ersten Reaktionen reichten von dumpfsinnigem Gleichmut bis zur hämischen Freude, von der Kopflosigkeit bis zur finsteren Entschlossenheit. In den Hallen liefen Mutmaßungen um, wer alles unter den Geflüchteten sei; die Ausmaße der Flucht waren vorerst nur wenigen bekannt, die Auswirkungen noch gar nicht abzusehen.

Ruth Fischer stand im Kalanderdurchgang der dritten Maschine. Sie hatte es nicht glauben wollen; fassen konnte sie es auch jetzt noch nicht. Aber eben war der Parteisekretär Benedix durch die Halle gegangen und hatte jedem, der es hören wollte, bestätigt: »Ja, es stimmt. Zum Schichtwechsel ist Kurzversammlung. Keine Panik, die Welt geht nicht unter deshalb.« – Benedix war gerade sechs Wochen von der Parteischule zurück. Ein bitteres Erbe, das er da antrat.

Vor der Umkleidekabine redeten sie aufeinander ein. »Die Dummen sind immer wir«, sagte der kleine Häring. »Der Arbeiter ist immer der Dumme!« – Jemand fragte: »Der Sosonaja ist auch fort?« – Dörner, Ruths Maschinenführer, machte sich Vorwürfe. Seit über zehn Jahren saß er täglich neben Sosonaja. Sie waren nicht gerade dicke Freunde gewesen, das nicht. Aber daß er so gar nichts geahnt, gar nichts gespürt hatte … Keinem kann man trauen, dachte Dörner. Keinem ins Herz sehen. Zwar: ein Nörgler war der Sosonaja immer gewesen; ihn hatte gewurmt, daß der Stein, den er einst beim Kommerzienrat Nüßler im Brett gehabt hatte, nun so gar nichts mehr zählte. Aber daß er sich bei Nacht und Nebel davonmacht, auf Verabredung, gemeinsame Sache mit den großen Herren! – »Einen Grund werden sie schon haben«, sagte der Schmierer Maaßen. »So mir nichts, dir nichts läßt man doch nicht alles im Stich. Die Wohnung, die Möbel, die Stellung.« Der Herr Zebaoth nickte. »Könnt mir schon einen denken, einen Grund!« Dann sagte er zu Häring: »Dir kann’s ja recht sein. Jetzt rutschst du ’ne Lohnstufe höher.« Häring war Sosonajas erster Gehilfe gewesen, seit heute morgen führte er die Maschine.

Die leeren Plätze waren plötzlich in allen Köpfen. Jeder rechnete sich schnell seine Chancen aus. Aber von denen, die hier standen – Schmierer, Zuträger, Querschneiderführer, zweite und dritte Gehilfen –, hatten nur zwei den Anschluß nach oben: Häring, der die Maschinenführer-Qualifikation besaß, und Dörner, der nun vielleicht Werkführer werden würde. Nach allem, was man bisher gehört hatte, waren unter den Flüchtigen ja mindestens drei, vier Maschinenführer, ferner zwei Werkführer, der Ingenieur Gerber und der technische Direktor, der Betriebsleiter Kautsky und der kaufmännische Direktor. Der Herr Zebaoth sagte: »Der Jungandres, der soll auch fort sein.« Er sah zu Ruth hinüber, die noch immer im Kalanderdurchgang stand. »Erst setzt er der Fischern den Maschinenführer ins Ohr, und dann …« Dörner unterbrach ihn: »Der nicht. Das ist so ziemlich der einzige, der nicht getürmt ist.



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